Der Karen-Harvey-Preis würdigt junge Forschende, die bereits zu Beginn ihrer Laufbahn entscheidende Beiträge zur Erforschung der Sonne geleistet haben.
Die Korona, die heiße, äußere Atmosphäre der Sonne, ist eine Schlüsselregion zum Verständnis unseres Sterns. Sie ist Schauplatz ständiger Umwandlungsprozesse: Magnetische Energie entlädt sich dort, erzeugt ungeheure Temperaturen von stellenweise mehr als einer Million Grad und liefert den Antrieb für den Sonnenwind ebenso wie für gewaltige Teilchen- und Strahlungsausbrüche. In diesem solaren Hexenkessel aus schnell veränderlichen Magnetfeldern und Plasmaströmen ist die Forschung von Lakshmi Pradeep Chitta zu Hause.
In den vergangenen zehn Jahren ist es dem Forscher am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) gelungen, unseren Blick auf diese Region maßgeblich zu verändern. Seine Forschungsergebnisse zeigen, wie dort kleinskalige und schnelle Prozesse am Werk sind, die in ihrer Gesamtheit große Wirkung entfalten und so grundlegende Eigenschaften der Sonnenkorona hervorbringen.
Ein Beispiel ist der Sonnenwind. Lange Zeit war unklar, welche Prozesse auf der Sonne den ständigen Teilchenstrom, der mit Überschallgeschwindigkeit durchs All rast, abfeuern. Als Antrieb konnte Chitta kleinste Strahlungsausbrüche, so genannte Piko-Flares, identifizieren. Ebenso wegweisend ist seine Forschung zur Koronaheizung, also zu den Vorgängen, welche die unfassbar hohen Temperaturen der Korona hervorbringen. An den Ankerpunkten heißer, bogenförmiger Plasmaströme in der Korona entdeckte Chitta eine entscheidende Hitzequelle: Wenn sich dort filigrane, verdrillte und verflochtene Magnetfeldlinien entheddern und neu ordnen, setzt dies enorme Energiemengen frei.
Chittas jüngste Forschungsergebnisse betreffen Sonneneruptionen. Solche Strahlungs- und Teilchenausbrüche können sich in Richtung der Erde ausbreiten, Polarlichter an den Himmel zaubern und sogar Kommunikationssysteme und Stromversorgung stören. Chittas Analysen belegen, wie sich kleine Umstrukturierungen im koronalen Magnetfeld lawinenartig aufschaukeln und so einen heftigen Ausbruch anstoßen.
Für seine Forschung nutzt Chitta aktuellste Messdaten, wie sie etwa das ballongetragene Sonnenobservatorium Sunrise und die ESA-Raumsonde Solar Orbiter liefern. Beide Sonnenspäher bilden verschiedene Schichten der Sonnenatmosphäre (einschließlich ihrer Oberfläche) in zuvor unerreichter Detailschärfe ab. In seinen Analysen kombiniert Chitta diesen hochpräzisen Blick auf die Sonne mit Computersimulationen und ermöglicht so ein tiefes Verständnis der zugrunde liegenden Vorgänge und Prozesse.
Über Preisträger und Preis
Dr. Lakshmi Pradeep Chitta beschäftigte sich bereits in seiner Promotion mit der Korona der Sonne. Nach seiner Doktorarbeit am Indian Institute of Astrophysics und am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in den USA forscht er seit 2015 am MPS. Zu seinen Auszeichnungen und ERfolgen zählen ein Marie Sk?odowska-Curie Fellowship der Europäischen Union (2017), der Early Career Researcher Prize der European Solar Physics Division der Europäischen Physikalischen Gesellschaft (2019) und ein Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (2022).
Die Abteilung für Sonnenphysik (engl: Solar Physics Division, SPD) der Amerikanischen Astronomischen Gesellschaft (engl.: American Astronomical Society, AAS) vergibt den Karen-Harvey-Preis jährlich an eine Forscherin oder einen Forscher, die oder der bereits zu Beginn ihrer oder seiner Laufbahn das Feld der Sonnenforschung maßgeblich mitgestaltet hat. Der diesjährige Karen-Harvey-Preis wird im Rahmen des 57. Treffens der Abteilung für Sonnenphysik vom 9. bis 14. August in Baltimore in den USA überreicht.
Zu den früheren Preisträgerinnen und Preisträgern des Karen-Harvey-Preises zählen MPS-Direktor Prof. Dr. Laurent Gizon sowie Prof. Dr. Hui Tian, der an der Peking University eine Partnergruppe des MPS leitet.


